Die „Schwarze Muttergottes“ vom Ankertspfad

von Dr. Hans Wilhelm Stupp

Schon im frühen Mittelalter benutzten die Bewohner der Moselgemeinden, vor allem die Layer Bürger, den Ankertspfad, wenn sie nach Koblenz gingen. Dieser Weg, der sich von der Moseluferstraße durch den „Hamm“ zum Karthäuser Plateau hinzieht, wird in den Chroniken und alten Unterlagen mit den unterschiedlichsten Bezeichnungen versehen. Ein Teil von ihnen spricht vom „Angelspfad“, der letztlich seine Fortsetzung findet im Osthang der Karthause zur Römerstraße hin und dort „Engelsweg“ heißt. Dr. Michel, der berühmte Koblenzer Heimathistoriker, nennt ihn „Angespfad“; auf dem im Jahr 1971 an der B 49 neu angebrachten holzgeschnitzten Hinweisschild steht: „Ankerpfad“.
Dieser letzte Name hat nach Auffassung von Rektor Heinrich Schneider deshalb einiges für sich, weil in früheren Jahrhunderten die Moselschiffe in der Nähe ankerten und die Schiffsführer einen Gruß zum heiligen Nikolaus hinaufriefen, dem ein Bildstock am oberen Ausgang des Pfades geweiht war. Wenn im folgenden die Bezeichnung „Ankertspfad“ benutzt wird, so deshalb, weil sie von Adam Dunkel in der Festschrift zum 750-jähirgen Jubiläum unserer Pfarrkirche (1950) nach intensiven Forschungen verwendet wurde. Sie sieht auch H. Schneider als zutreffend an.
Wo der Ankertspfad die Karthäuser Höhe erreicht, stand bereits Anfang des 17. Jahrhunderts ein Kapellchen, das man in Moselweiß und Lay als „Schwarze Muttergottes“ oder auch als „Schwarzbildchen“ bezeichnete. Diesen Namen hatte das Heiligenhäuschen am Ankertspfad von einer geschnitzten Figur der Muttergottes mit dem Jesuskind, deren Holz im Laufe der Jahre eine dunkle, fast schwarze Farbe angenommen hatte. Dieser Eindruck wurde verstärkt durch farbenfrohe Gewänder, die man der Statue umgelegt hatte. Die Kapelle war schon früh ein beliebter Wallfahrtsort, nicht nur für Koblenz und seine engere Umgebung, sondern vor allem den vorderen Hunsrück. 1744 ließ der Moselweißer Bürger Paul Spurtz die beschädigte Kapelle vergrößern; die Zahl der Besucher verfielfachte sich. Ein eigens berufender Wärter beaufsichtigte das Heiligenhäuschen und hielt es in Ordnung.
Das „Schwarzbildchen“ am Ankertspfad steht im Mittelpunkt eines Erlebnisses aus dem Jahre 1632, das Christian von Stramberg in seinem berühmten „Rheinischen Antiquarius“ Mitte des 19. Jahrhunderts erzählt und Adam Dunkel meisterhaft wiedergibt. Demnach befand sich am 28. Juni 1632, also mitten im 30jähigen Krieg, eine Frau von Roben mit Kindern und Dienerschaft auf dem Rückweg von einer Wallfahrt in die Eifel, war mit dem Nachen bis Lay gefahren und benutzte von dort den Ankertspfad, um auf dem schnellsten Wege nach Koblenz zu gelangen. Als die Reisegruppe die Höhe erreicht hatte, sah sie zu ihrem Schrecken schwedische Truppen im Anmarsch, die eine Belagerung der Stadt vorbereiteten. Schnell suchten die Leute Zuflucht in der nahen Kapelle, deren Tür sie innen mit dem Mobiliar verrammelten. Während der ganzen Nacht zogen lärmend Soldaten an dem Kirchlein vorbei, und es erschien den Betenden wie ein Wunder, dass man sie nicht entdeckte. Am Morgen als der Lärm sich verzogen hatte, sahen sie dann, dass ein zerbrochener Pulverkarren den Zugang zur Kapelle von außen versperrte. Das also war der Grund, dass kein Schwede versucht hatte, plündernd dort einzudringen. Sie dankten der Gottesmutter für ihre Rettung und konnten sich schließlich mit Hilfe eines aus dem damals schwedischen Vorpommern stammenden Offiziers in Sicherheit bringen.
Das Verhängnis über unsere Kapelle am Ankertspfad brach herein, als Soldaten des preußischen Dragonerregiments Ansbach viele Jahre später in der Nachbarschaft biwakierten und das Heiligenhäuschen in Flammen aufging. Zu dieser Zeit war allerdings das Gnadenbild nicht mehr am Ankertspfad; die Moselweißer hatten es wegen der Kriegswirren Ende des 18. Jahrhunderts in ihre Pfarrkirche gebracht. Die verfallene und morsch gewordene Holzfigur existiert heute nicht mehr; unter Pastor Klee wurde sie kurz vor der Wende des 20. jahrhunderts im liturgischen Karsamstagsfeuer verbrannt.
Ein genaues Abbild des alten Gnadenbildes vom Ankertspfad jedoch befindet sich in der Kirche zu Windhausen im vorderen Hunsrück. Unser Kirchenchor hat bei seinem Jahresausflug im Mai dort Station gemacht und damit die langjährige Verbindung unterstrichen. Die „Schwarze Muttergottes“ von Windhausen war 1770 als Kopie des Moselweißer Bildes von den Bauern Peter Becker in Auftrag gegeben worden, als er nach einer Wallfahrt zum Moselweißer Gnadenbild von schwerer Krankheit geheilt worden war. Die Erinnerung an das Heiligenhäuschen vom Ankertspfad lebt damit in Windhausen (an der Straße zwischen Buchholz und Brodenbach) weiter.
Mosella Kirmesheft 1972